Eure Heiligkeit,
Es überrascht sehr, dass ein kirchlicher Würdenträger und obendrein Gelehrter bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Algier erklärt : „Ich freue mich sehr, bei meinen arabischen Brüdern zu sein“.
Algerien, die Heimat des Berbers Sankt Augustin, Vater der christlichen Kirche, wird nicht von Arabern bevölkert, sondern von arabisierten und nicht-arabisierten Berbern.
Wenn sich auch der Lauf der Geschichte aufgrund der verschiedenen Eindringlinge, die ihren Fuss auf die numidische Erde gesetzt haben, zu Ungunsten der Imazighen (die Bewohner Nord-Afrikas bezeichnen sich selbst so), entwickelt hat, so bilden sie doch die Basis der nordafrikanischen Gesellschaft.
Man muss jetzt nicht tiefer auf die Vorgeschichte dieser weitläufigen Region, die immer von Fremdmächten besetzt war, eingehen, um daran zu erinnern, dass die gegenwärtige Situation der Imazighen (Nordafrika) und im besonderen in Algerien sich nicht von der Frühgeschichte unterscheidet. Der französische Kolonialismus, der die Arabisierung durch seine „Orientalisten“, die die Kolonialarmee begleitet haben, beschleunigt hat, wollte seine Mischung aus „muslimisch und arabisch“ nicht aus seinem Vokabular verbannen.
Die Berber-Sprache, die nicht geschrieben und somit nicht unterrichtet wurde, erfuhr von den französischen Besatzern keine Beachtung.
Es war für die Kolonialmächte logischerweise leicht, die Bezeichnungen muslimisch und arabisch nur zu gerne zu verwechseln.
Und genau da beginnt das Unglück der berberischen Einwohner von Tamazgha seinen Lauf zu nehmen.
Der kulturelle Genozid der Berberophonen wird, nach jahrhundertelangem Widerstand gegen die totale Arabisierung aufgrund der Islamisierung, Wirklichkeit.
Heutzutage nimmt der kulturelle Genozid seinen Fortgang durch eine neue arabo-baathistische Kolonisierungspolitik, die von den Regierungen in Algerien seit 1962 kontinuierlich verfolgt wird.
Es ist beängstigend festzustellen, dass die römische Kirche durch ihre Zustimmung zu den Arabo-Baathisten mittels Monseigneur Bader Ghalib dem Verschwinden des Berbervolkes, einem der ältesten Völker des Mittelmeerraumes, beipflichtet.
Die gegenwärtigen, fortwährenden und friedlichen Widerstandsbewegungen der Kabylen (Berber-Frühling von 1980, schwarzer Frühling von 2001 und andere, weniger bekannte und stillere Widerstandsbewegungen) haben im Bestreben um die offizielle Anerkennung ihrer Identität und ihrer Sprache als Antwort nur die Gewalt der Regierung durch ihre Polizei und Gendarmerie zu spüren bekommmen. Die westliche Presse hat praktisch überhaupt nicht auf die Manifestationen der Kabylen gegen den kulturellen Genozid in Algerien reagiert. Leider haben sie kein religiöses Oberhaupt wie z.B. den Dalai Lama in Tibet. Es wird bestimmt kein muslimischer Imam sein, der sich gegen die Arabisierung der Kabylen und der Berber im Allgemeinen einsetzt.
Um so mehr bedauern wir es, dass ein durch Eure Heiligkeit entsandtes religiöses, christliches Oberhaupt der Kirche die Anti-Kabylen-, Anti-Berber- und Anti-Menschenrechts-Politik in Algerien bekräftigt, indem es durch seine Erklärung die wahren Zustände des Landes außer Acht lässt.
Über eine Antwort Ihrerseits bedanken wir uns im Voraus.
Deutsch-Kabylische Freundschaft e.V.
i.V. A.Enderle-Ammour


