
Auch wenn es uns scheinbar wenig angeht, dass in Algerien so manches Menschenrecht mit Füßen getreten wird, sollten wir nicht einfach so wegsehen. Der Soziologe Ulrich Beck weist in seiner aktuellen Schrift „Die Neuvermessung der Ungleichheit unter den Menschen*“ bereits darauf hin, dass unser Gleichberechtigungsgedanke meist schon hinter den Landesgrenzen aufhört. Aber, Menschenrechte sollten Menschenrechte bleiben und sie gelten für alle Menschen, egal wo sie leben. Es ist also nicht allein das Unglück der Kabylen, dass der Mohammedanismus und das algerische Regime die Kabylen vom Weg des europäischen Fortschritts und der Liberalität ausgeschlossen haben :
Es ist das Unglück der gesamten zivilisierten Welt !
Dass sich die Kabylen selbst auch als Imazighen (freie Menschen) bezeichnen mag ihnen - in Anbetracht der in der Kabylei vorherrschenden Menschenrechtslage, vorkommen wie eine Farce.
Nord-Afrika wurde ursprünglich von Berbern bewohnt, bis die Araber die Region im 7. Jahrhundert eroberten. Nach denen sind sie auch bekannt als die Maghreb-Länder, im Gegensatz zum Mashriq oder dem arabischen Orient. Anders als man annehmen könnte, handelt es sich bei der Misere in der sich die Berber befinden, nicht um eine Frage der „Rasse*“, denn die überwältigende Mehrheit der Nordafrikaner sind entweder Berber oder arabisierte Berber.
Tamazight wird außerdem auch von Zehntausenden Tunesiern, vor allem in Djerba und im Süden des Landes gesprochen. Heute haben Berbergruppen grundsätzlich die gleiche Sprachewurzel, aber sehr unterschiedliche Dialekte, aufgrund ihrer geographischen Streuung und Jahrhunderte langen Mangels an Kommunikation.
Seit langer Zeit führen die Kabylen einen pazifistischen Kampf für demokratische, sprachliche und kulturelle Rechte – für Menschenrechte - in ihrem Land.
Am 10. März 1980 war der gefeierte Autor Mouloud Mammeri, begleitet von dem Linguisten Salem Chaker auf dem Weg von Algier zur Universität in Tizi Ouzou, wo er eine Konferenz zum Thema „alte berberische Poesie“ leiten sollte. Er wurde von der Polizei aufgehalten. Es wurde ihm mitgeteilt, dass die Veranstaltung nicht stattfindet, wegen des Risikos öffentlicher Unruhen. Am darauf folgenden Tag gingen 200 Studenten in Tizi Ouzou auf die Straße. Der Protest ging durch alle Provinzen, bis er schließlich am 7. April 1980 auch Algier erreichte. Dann waren tausende Studenten auf der Straße mit der Unterstützung des Volkes und forderten die Anerkennung der berberischen Sprache Tamazight als eine nationale Sprache und als Amtssprache. Am 20. April hat die Unterdrückung ihren Höhepunkt erreicht, als Sicherheitskräfte den Campus der Universität in Tizi Ouzou stürmten. Viele Dozenten und von denen besonders diejenigen, die in Frankreich studiert hatten wurden verhaftet, weil sie angeblich die Rädelsführer der Studenten seien. Etwa 150 Studenten wurden verletzt, viele Studentinnen in dieser Nacht vergewaltigt.
Seit 1980 wird dieser Tag jedes Jahr als Berberfrühling von den algerischen Berbern erinnert. Neuerdings haben sich auch die marokkanischen Berber angeschlossen.
Der schwarze Frühling
Am 18. April 2001 kam während der Vorbereitungen zum 21. Jahrestag der 18-jähriger Student Guermah Massinissa in einer Polizeistation ums Leben. Nach diesem „Unfall“ (Vorfall) kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen der kabylischen Bevölkerung und der algerischen Sicherheitskräfte. Der Aufruhr sprang auch auf die anderen kabylischen Provinzen, unter ihnen Bejaia, Bouira, Setif and Boumerdes über. Es gab 126 Tote und hunderte Verletzte auf Seiten der Demonstranten und nur einen einzigen auf Seiten der Gendarmen. Dieser erschütternde Akt der Willkür von Seiten der algerischen Regierung sitzt tief in den Köpfen der Kabylen und er ist nur ein Grund mehr, auch in den darauf folgenden Jahren zu demonstrieren.
Berberfrühling 2009
Auch in diesem Jahr sind etwa 20.000 Kabylen in Tizi Ouzou, der kabylischen Hauptstadt, auf die Straße gegangen, um sich für ihre Kultur und ihre Sprache stark zu machen, nachdem der M A K (Mouvement pour l’Autonomie de la Kabylie) zur Demonstration aufgerufen hatte.
Die Demonstranten skandierten „Autonomie la Kabylie“ (Autonomie der Kabylei) „Pouvoir assassin“ (Mörderregime), „ulac smah ulac !!!“ (kein Pardon (für die Mörder der 126 Kabylen !)) „tamazight tella tella !!“ (Tamazight wird immer Leben) Der Vorstand unseres Vereins Deutsch-Kabylische-Freundschaft e.V. und Sprecher des M A K-Deutschland Lyazid Abid war in diesem Jahr live in Tizi Ouzou dabei und berichtete uns : Die Demonstration vom 20.04.2009 in Tizi Ouzou gehöre zu den wichtigsten Momenten seines Lebens. Er sah das Erwachen des kabylischen Volkes aus einem tiefen Schlaf, einer Lethargie. Er verstand, dass sie diesmal nichts und niemand mehr zurückhalten könne.
Er kommentierte weiter : „Ihr habt eine Berberbewegung erwartet ? Es war viel mehr als das – es war einfach so unglaublich“ sagte er. Abid war schier überwältigt von der Menschenmasse, die zum demonstrieren kam, was ihm neue Zuversicht gab, dass sich die Lage für die Kabylen in Algerien doch noch verbessern wird. Er bedankte sich bei den Organisatoren (MAK) der Demonstration und sprach ihnen seine Hochachtung aus.
Uli Rohde
*North African Berbers and Kabylia’s Berber Citizens’ Movement
* Ich verwende hier der Einfachheit halber den Begriff Rasse, auch wenn klar sein muss, dass der Begriff ethischer und ethnologischer Sicht inkorrekt ist.
by Mohand Salah TAHI http://tamazgha.fr/North-African-Be... Stand : 20.04.2009


