In Vilnius (Litauen) vor der großen Kathedrale gibt es einen Punkt, den viele Litauer – besonders die jungen unter ihnen - nicht mehr kennen oder vielleicht vergessen haben. Zu selbstver- ständlich ist ihnen Freiheit und Demokratie geworden. Eigentlich ist das ja auch gut so.
Es ist eine gläserne Fliese mit buntem Mosaik, die in den Boden neben dem Glockenturm eingelassen ist. Diese Fliese erinnert an ein Ereignis, das sich in diesen Sommer zum zwanzigsten Male jährte. Wenn man sich auf dieser Fliese drei Mal um die eigene Achse dreht, so hat man einen Wunsch frei. Ich hatte in diesem Jahr einen besonderen Wunsch. Es war kein persönlicher, aber vielleicht kann der Leser am Ende des Textes meinen Wunsch erahnen.
Dieser Ort in Vilnius ist Ausgangsort einer besonderen Handlung, welche die Geschichte der drei baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland in entscheidendem Maße verändern sollte. An dieser Stelle nämlich, setzten Menschen ein pazifistisches Zeichen für ihre Freiheit. Für jene Freiheit der letzten „Kolonien“ Europas – okkupiert von Russland seit 1939.
Am 23. August nahmen sich die Bewohner der drei baltischen Länder an die Hand und bildeten von Tallin (Reval) über Riga nach Vilnius (Wilna) eine Menschenkette aus weit über einer Millionen Menschen – die längste Menschenkette aller Zeiten. Ein Bild, das einem bei der Vorstellung eine Gänsehaut macht und einem Tränen der Ergriffenheit in die Augen treiben kann. Mir geht es jedenfalls immer so, wenn ich anderen diese Geschichte erzähle. Wie muss es Menschen gehen, die so etwas auf sich nehmen ? 600 Kilometer über Landstraßen durch Städte hindurch war es nicht zuletzt eine logistische Meisterleistung, diesen „baltischen Weg“ zu vollführen. Das Ergebnis war Freiheit nach 50 Jahren russischer Okkupation.
Wie viele kleine und große Träume zerplatzten in den Köpfen der Bewohner des Baltikums während der Zeit der russischen Okkupation ? Wie viel Leid hat sie mit sich gebracht ? Wie viele Menschenleben gekostet und Familien zerstört ? Und nicht nur das. Auch die Sprache und die Kultur konnten die Baltischen Länder nur teilweise und mit viel Mühe retten. Damals wehrten sich die Länder dagegen, dass das Russische als Muttersprache Einzug findet, in dem in den Schulen auf Russisch unterrichtet werden sollte. So wurde der Russifizierung von vornherein ein Riegel vorgeschoben und dennoch : das Russische hat einen nicht zu leugnenden Einfluss auf die litauische Sprache genommen und Spuren hinterlassen. Im Angesicht der anderen Schandtaten, die sich die russische Regierung während ihrer Okkupation hat einfallen lassen, ein im Verhältnis noch zu verkraftender, aber eben nicht mehr zu behebender Schaden. Die Menschen im Baltikum sind heute frei.
Für die Kabylen, einem Volk der Kabylei, einer Region im Nord-Osten Algeriens ist die Situation aber noch heute so. Ursprünglich war die gesamte Region Nordafrikas von Masiren (freien Menschen), die bei uns eher als Berber bekannt sind, bewohnt. Hierzu zählen auch die Kabylen. Kabylisch bleibt nach der Unabhängigkeit von Frankreich in Algerien weiterhin keine Amtssprache sondern nur Nationalsprache. Ein fragwürdiger Status, und ein mickriges Zugeständnis von Seiten der algerischen Regierung. Allein dafür haben die Kabylen in einem Boykott ihre Kinder ein dreiviertel Jahr nicht zur Schule geschickt. Konsequent, wie man meinen kann. Immerhin wird in der Kabylei nun wieder Kabylisch als Sprache in den Schulen unterrichtet, aber der Unterricht ist weiterhin auf Arabisch, genau so wie alle Behörden, sowie alle offiziellen Gerichte und Dokumente wie etwa Führerschein Heiratsurkunde und das Abitur. Hierzu ist wissenswert, dass es in Algerien Bewohner gibt, die kein Wort Arabisch sprechen. Sie können ihre eigene Heiratsurkunde nicht lesen. Die Kabylen fordern, dass die kabylische Sprache zur Amtssprache Algeriens neben dem Arabischen wird. Viele Kabylen haben aber diesbezüglich resigniert und daher wird nun die Forderung nach Autonomie für die Kabylei lauter. So soll wenigstens in ihrer Region das Kabylische zur Amtssprache werden. Wer sich aber für die Autonomie für die Kabylei einsetzt, muss damit rechnen, von der Regierung verfolgt zu werden. Viele Kabylen verbüßten Jahre unschuldig im Gefängnis, weil sie forderten, was ihr gutes Recht ist. Sie gingen stets mit pazifistischen Mitteln vor. Schrieben, sangen, demonstrierten, was die algerische Regierung nicht davon abschreckte diese Bewegung blutig niederzustrecken, wie etwa beim Berberfrühling am 20. April 2001, einer alljährlichen friedlichen Demonstration bei der 128 junge Kabylen im Kugelhagel starben, was die Menschen aber nicht davon abhielt weiterzudemonstrieren. Seltsamerweise hat die Welt gerade mal wieder woanders hingesehen, als in der Kabylei Menschen unter Einsatz ihres Lebens für ihre Rechte im eigenen Land demonstrieren. Den Menschen im Baltikum ging es nicht anders. Jeder wusste um ihre Situation, aber dem Rest der Welt es war angenehmer sich die Ohren zuzuhalten und die Augen zu schließen, wie es sonst nur kleine Kinder tun.
Die Kabylei hat keine Bodenschätze und ist ein eher ärmlicher Landstrich. Zwar reich an Kultur, aber die Arbeitslosenzahlen sind erdrückend und die Regierung hält die Region finanziell am untersten Limit und das, wo Algerien dank seiner Ölförderung eigentlich ein reiches Land ist. Viele Kabylen sehen in ihrer Heimat keine Perspektive und fliehen nach Europa. Allein in Frankreich leben mehr als zwei Millionen Kabylen.
1962 nach der Unabhängigkeit von Frankreich bestimmte die erste Verfassung Algeriens : „Der Algerier ist ein Araber und ein Moslem.“ Man wollte, wie später der ehemalige algerische Staatschef Houari Boumedienne formulierte, einen neuen Mensch erschaffen : einen stolzen Araber, frommen Moslem und engagierten Sozialisten. Die Worte Kabyle oder Kabylei wurden verboten. Alle Namen der kabylischen Widerstandskämpfer, welche die wichtigsten Führer des Widerstandskrieges gegen Frankreich waren, wurden nach stalinistischer Art aus den Geschichtsbüchern ausradiert. Zur Schaffung des neuen Menschen wurden und werden bis heute die Schule, die Medien und die Moschee mobilisiert. Ähnlich ging es auch dem Baltikum. Russisch wurde von der ersten Klasse an unterrichtet, der Gang zur Kirche konnte zur Deportation führen und auf ein Studium konnte nur hoffen, wer sich normenkonform verhielt und verschiedenen Verbänden beitrat, es wurde spioniert und bespitzelt, was das Zeug hielt. Die Situation war ähnlich wie im Osten Deutschlands nur noch etwas radikaler. Die Listen der Schikanen, die dem Volke täglich widerfahren ist, bzw. im Falle der Kabylen widerfährt, ließe sich sowohl für das Baltikum, als auch für die Kabylei endlos fortführen.
Vielleicht bräuchte auch die Kabylei eine solche, oder eine andere außergewöhnliche Bekundung eines Unabhängigkeitswillens, bzw des Autonomiebestrebens, wie das damals die Bewohner des Baltikums mit ihrem „baltischen Weg“ vollzogen haben. Dazu müssten sie allerdings alle an einem Strang ziehen und die kleinen Krämereien vergessen. Der Kolonialismus und die Arabisierung haben selbst das kabylische Volk tief gespalten. Unter ihnen herrscht Uneinigkeit. Die algerische Regierung „kauft“ mit ihren Petrodollars Kabylen, um noch einen größeren Keil zwischen die Fronten zu treiben. An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass die Bewohner des Baltikums ja auch nicht vom gleichen Stamm sind. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, sondern Litauisch, Lettisch und Estnisch. So zählen die Litauer und die Letten, zum Volk der Balten, während die Esten zur Völkergemeinschaft des nordeuropäischen Typs innerhalb der finno-ugrischen Völkergemeinschaft gehören. Und dennoch waren sie vereint aus dem Grund, dass sie eine Interessengemeinschaft waren, die Jahrzehnte lang das gleiche schlimme Schicksal teilte.
Der bedeutende Umbruch des Baltikums hat weit darüber hinausgehende Signalwirkung gehabt und wird sie auch in Zukunft noch haben. Vielleicht nimmt sich ja die Kabylei ein Beispiel daran.
Langsam aber scheinen sie aber zu verstehen, was ihrer jahrtausende alten Kultur und Sprache droht, wenn sie sich geschlagen gäben. So gibt es jüngst Demonstrationen von MAK (mouvement pour l’autonimie de la Kabylie) an denen sich nicht ausschließlich Kabylen beteiligen. Auch andere Bewohner Algeriens haben sich angeschlossen, weil nicht Rechtens ist, was in ihrem Lande vor sich geht. Wie wir sehen, können Menschen, so unterschiedlich ihr kultureller Hintergrund sein mag und sie auch weit voneinander entfernt sind, ein eng verbandeltes Schicksal teilen. Auch wenn die Personen unter denen sie leiden oder gelitten haben, andere Namen tragen.
Möglicherweise ahnt der Leser, welch frommer Wunsch in Vilnius leise meine Lippen verließ ? Ich möchte hiermit den Leser Auffordern, die Augen nicht länger zu verschließen, sondern Hinzusehen und nicht nur stummer Zeuge eines, wie Leo Fobenius es einst ausdrückte ‚samenlosen Ersterbens’ einer Kultur und Sprache zu sein. Wir sind doch EINE Welt, oder nicht ?
Von Uli Rohde-Heckt


