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Veranstaltung des DKF, München am 31.07.09

Ulrich Delius bei der DKF e.V.

Date : mercredi 5 août 2009 | Auteur : Lyazid | Rubrique : Actualités

maj : 2009-08-22 12:14:20 | Permalien : http://kabylei.eu/spip.php?article148
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Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Freunde der Masiren,

wer in Deutschland von Masiren spricht, erntet meist verständnislose Blicke. Wer oder was ist das, heißt es oft. Auch unter der Kabylei können sich die meisten Deutschen wenig vorstellen. Erst wer von „Berbern“ spricht, wird verstanden, aber auch dann denken viele eher an Teppiche als an Menschen. Nordafrikas größtes indigenes Volk wartet in Mitteleuropa noch immer auf Anerkennung.

U. Delius, L. Abid, F. Mehenni und F. Widemann Doch nicht nur in Europa warten die Masiren, auch in Algerien sind die Masiren fast 40 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes im Wartestand. Noch immer warten sie auf die Anerkennung grundlegender Rechte und ihrer Kultur. Zwar stellen sie heute rund 25% der Bevölkerung Algeriens, doch die ihnen versprochenen Rechte werden ihnen noch immer im autoritär von arabischen Eliten regierten Algerien vorenthalten. Die größte Gruppe unter den Masiren Algeriens stellen die Kabylen, die Tuareg sind eine weitere Gruppe, die in Deutschland bekannt ist. Die Masiren kämpften gemeinsam mit Arabern für die Unabhängigkeit Algeriens von der französischen Kolonialmacht. Schon damals machte man ihnen große Versprechungen, bis heute warten die Masiren auf deren Umsetzung.

Doch um eines gleich klarzustellen : Die Masiren warten nicht nur, sondern sie handeln auch. Es ist mir eine Ehre, heute hier mit Ferhat Mehenni aufzutreten, einem der angesehensten und engagiertesten Aktivisten für die Sache der Masiren. Er hat alle Höhen und Tiefen des Kampfes der Masiren in den letzten 30 Jahren erlebt, wurde mindestens 13mal verhaftet und hat viele Gefängnisse Algeriens von ihrer schlimmsten Seite erlebt. Sein Leben ist ein Spiegelbild des Kampfes der Masiren um die Anerkennung ihrer Sprache und Kultur sowie um mehr Autonomie und Eigenständigkeit für die Kabylei.

Als ich vor 23 Jahren meine Arbeit als Afrikareferent der Gesellschaft für bedrohte Völker aufnahm, war er wieder einmal in Haft. Verurteilt im Jahr 1985 zu drei Jahren Gefängnis, weil er sich für die Rechte der Masiren eingesetzt hatte und die erste unabhängige Liga für Menschenrechte in Algerien mit gegründet hatte. Damals war es eine meiner ersten Aktionen, mich für seine Freilassung zu engagieren und für die Befreiung von mehreren Dutzend Masiren-Aktivisten zu kämpfen, die sich während des „Berber-Frühlings“ im Jahr 1980 für die Anerkennung ihrer Kultur und grundlegender Menschenrechte eingesetzt hatten. Mit brutaler Gewalt hatten damals Sicherheitskräfte die friedlichen Proteste von Kabylen niedergeschlagen. Zugleich markierten die Kabylen mit ihrem Aufstand im Jahr 1980, wie autoritär die FLN Algerien regierte und Menschenrechte mit Füßen trat.

Doch das Ausland wollte diese Botschaft nicht hören. Algerien galt als wichtiger „blockfreier“ Staat und war ein Hätschelkind der „Sozialistischen Internationale“. Kritik an Algeriens autoritärer Machtriege war in vielen Kreisen verpönt, denn der Staat galt als Mittler zur arabischen Welt und als Vermittler bei Geiselnahmen und Flugzeugentführungen. Im eigenen Land wollten Algeriens Machthaber aber von Vermittlung nichts wissen und trieben die Arabisierung und Islamisierung des Landes weiter voran.

Hauptopfer waren dabei nicht nur die Demokratie, sondern auch die Masiren, die vergeblich für eine Anerkennung des Doppelcharakters des Landes als arabisches und masirisches Land, sowie für mehr Presse- und Meinungsfreiheit, die Anerkennung ihrer Sprache und Traditionen eintraten. Zu diesen Traditionen zählt auch, dass Frauen mehr Rechte als in der arabischen Gesellschaft haben. Fast 30 Jahre nach dem Berber-Frühling, warten die Kabylen noch immer auf den großen Durchbruch und die Anerkennung ihrer Rechte. Mit minimalen Zugeständnissen versuchen Algeriens Machthaber regelmäßig die Kabylen ruhig zu stellen. Doch es gärt in der Kabylei, die Unzufriedenheit mit dem erstarrten Regime in Algier wächst.

Was sind die Alternativen ? Der Ruf nach Autonomie der Kabylei wird laut, Ferhat Mehenni ist einer ihrer engagiertesten Verfechter. Für arabische Medien und die staatlichen algerischen Sicherheitsbehörden ist dies Anlass genug, um Mehenni öffentlich als „zionistischen Agenten“ zu diskreditieren. Ein beliebter und sehr wirkungsvoller Vorwurf in der arabischen Welt, wenn Leute zu unangenehme Fragen stellen.

So kritisch Algeriens Machtelite auch immer wieder die alte Kolonialmacht Frankreich sieht, so hat man von ihr doch den Zentralismus übernommen, der regionale Besonderheiten leugnet und Algerien nur als arabisches Land begreifen möchte. Für die Jahrtausende alte Kultur der Masiren, die lange vor der Einwanderung von Arabern in Nordafrika bestand, bleibt da kein Platz.

Autonomie-Aktivisten zu kriminalisieren, ist absurd und für einen Staat, der sich selber als Demokratie versteht, nicht akzeptierbar. Denn eine Autonomie gefährdet weder die Staatsgrenzen, noch das Fortbestehen des Staates Algerien. Es ist eine unter vielen Formen der Ausübung des auch von den Vereinten Nationen beschworenen Rechts auf Selbstbestimmung der Völker.

Autonome Regionen gibt es heute in vielen Regionen der Welt. Manche bestehen nur auf dem Papier (Tibet / Xinjiang, China), andere sind richtige Erfolgsmodelle. Erfolgreich sind Autonomie-Modelle :
-  in Nunavut (Kanada) für die kanadischen Ureinwohner in der Arktis,
-  für die Inuit in Grönland (Dänemark),
-  auf den Aland-Inseln (zwischen Schweden und Finnland)
-  in Südtirol (Italien)
-  in Katalonien (Spanien).

Auffallend ist, dass die erfolgreichen Autonomie-Modelle alle in demokratischen Staaten eingeführt wurden. Mit einem autoritären System wie in Algerien wird es sehr schwierig sein, eine gut funktionierende Autonomie zu verwirklichen.

Folgende Bedingungen müssen normalerweise erfüllt sein, damit eine Autonomie auch gut funktionieren kann :
-  Der Nationalstaat muss pluralistisch und demokratisch sein,
-  Die autonome Region muss über angemessene finanzielle Mittel verfügen,
-  Es muss eine klare Gewalten- und Kompetenzen-Verteilung zwischen Zentralstaat und autonomer Region geben,
-  Die Autonomie muss in der Verfassung abgesichert sein,
-  Es muss eine unabhängige Einrichtung geben, die Konflikte zwischen dem Zentralstaat und der autonomen Region schlichtet.

Algeriens „demokratisch autoritärer Zentralismus“ ist also noch weit davon entfernt, eine glaubwürdige Autonomie in der Kabylei zu verwirklichen. Nichtsdestotrotz sollten wir weiter daran arbeiten, weil nur eine Autonomie wirksam Kultur und Menschenrechte der Kabylen schützen kann.

Welchen Einfluss können dabei die Europäische Union und Deutschland haben ? Algerien ist zwar heute nicht mehr das Hätschelkind der europäischen Sozialisten und Sozialdemokraten, doch es hat in mehrfacher Hinsicht für Europas Regierungen an Bedeutung gewonnen.

So spricht man nicht gerne in Europas Regierungen über Menschenrechtsdefizite in Algerien, weil das Land als wichtiger Verbündeter im weltweiten Kampf gegen den Terror gilt. Algerien hat es wie auch Marokko geschafft, mit der Antiterror-Karte sozusagen einen Freibrief für Menschenrechtsverletzungen von der Europäischen Union und den USA zu erhalten.

Noch wichtiger ist seine wachsende Bedeutung als Energielieferant für Deutschland. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2008 Algerien besuchte, umwarb sie das Regime in Algier regelrecht. Algerien hat gigantische Erdgas- und Ölreserven und Deutschland ist auf der Suche nach mehr Unabhängigkeit von Russland und Libyen bei der Energieversorgung. Hinzukommen die jüngsten Pläne für Solarstrom aus der Sahara, die vermutlich im Süden Algeriens verwirklicht werden. Auch sind Algeriens Staatskassen aufgrund der hohen Energiepreise gut gefüllt, so dass das Land als interessanter Kunde für die deutsche Exportwirtschaft gilt.

Alles dies sind Gründe, weshalb es für uns nicht einfach ist, mehr Aufmerksamkeit für die berechtigten Anliegen der Kabylen in der deutschen Öffentlichkeit zu schaffen. Nichtsdestotrotz wird sich die Gesellschaft für bedrohte Völker weiterhin für die Autonomie der Kabylei und für mehr Menschenrechte für die Kabylen einsetzen.

Ulrich Delius

Bio Express
Ulrich Delius ist seit 1986 Afrikareferent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. Er hat Jura studiert. Die Gesellschaft für bedrohte Völker setzt sich seit 41 Jahren für bedrohte ethnische und religiöse Minderheiten weltweit ein. Seit mehr als 20 Jahren engagieren sich für die Menschenrechte in der Kabylei, für die Rechte der Masiren in Marokko sowie für die Rechte der Tuareg in Mali, Niger und Libyen.

voir les vidéos

http://www.youtube.com/watch?v=iM_F...

http://www.youtube.com/watch?v=HC7Z...

http://www.youtube.com/watch?v=XXsS...







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